Sonntag, 22. März 2020

Drei Wunder - Betrachtungen zum Film "Jungfrauenquelle" von Ingmar Bergman aus dem Jahre 1960




Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein.
Gestern war es noch grau und kühl und es hat fast den ganzen Tag geregnet.
Es ist alles ein bisschen irreal. Als wäre das Leben rings um uns schon erstorben, so still ist es.
Vorgestern zeigte die Seite „Cinema, mon amour“, auf die ich in Facebook abonniert bin, zwei Fotos: Beide zeigten einen Mann mit einem jungen Baum: beide Bilder sind vom gleichen Kameramann fotografiert worden, dem Schweden Sven Nykvist (1922 – 2006). Das obere Foto zeigte Max von Sydow, der erst kürzlich (am 8. März 2020) mit 90 Jahren in Paris verstorben ist, mit einer jungen Birke, die er in dem Film „Jungfrauenquelle“ von Ingmar Berman aus dem Jahr 1960 ausreißt wie Herkules, das zweite Erland Josephson vor dem dürren Baum in „Opfer“ von Andrej Tarkowski aus dem Jahre 1986.
Gestern Abend legte ich die DVD des Bergmanfilms ein und Lena schaute ihn mit mir bis zum Ende an, obwohl sie bisweilen ihr Missfallen ausdrückte.
„Jungfrauenquelle“ wurde nach einer schwedischen mittelalterlichen Legende gedreht und erzählt von der unschuldigen, aber etwas eitlen Tochter eines wohlhabenden schwedischen Bauern, die gerne lange schläft und von beiden Eltern als einzige Tochter verwöhnt wird. Karin soll eines Tages im anbrechenden Frühling Kerzen in die weit entfernt liegende Kirche bringen, um sie weihen zu lassen. Dazu muss sie durch einen dunklen Wald. Auf dem Weg zur Kirche trifft sie auf drei Hirten, die mit ihr zuerst das Brot teilen, sie dann vergewaltigen und töten. Begleitet wurde Karin (= die Reine), die sich von ihrer Mutter die besten Sonntagskleider anlegen ließ,  von ihrer eher schmutzigen Halbschwester Ingeri, die noch an den heidnischen Gott Odin glaubt und insgeheim eifersüchtig auf die blonde Christin ist. Die dunkelhaarige Ingeri erscheint in dem Film mit ihren bösen Blicken wie vom Teufel besessen. Außerdem ist sie schwanger mit einem unehelichen Kind, weil auch sie vergewaltigt worden ist. Die Heidin beobachtet die Vergewaltigung und Ermordung ihrer christlichen Halbschwester, aber greift nicht ein, weil sie an den Sieg Odins über das Christentum glaubt.
In dem Film, der im Mittelalter spielt, treffen in den beiden Frauengestalten Heidentum und Christentum aufeinander. Am Ende stellt sich heraus, dass das Heidentum auch Töre, den Vater, ergriffen hat, als er sich blutig an den drei Hirten rächt: den ersten ersticht er mit dem Schlachtermesser, den zweiten verbrennt er im Herdfeuer und den dritten, den jüngsten, wirft er an die Wand, dass er tot herunterfällt.
Bevor Töre seine Rache beginnt, reinigt er sich in einer Art heidnischer Zeremonie, indem er sich mit den Zweigen der jungen Birke, die er zuvor ausgerissen hatte, auf den Rücken schlägt und sich wie in der Sauna mit heißem und kalten Wasser übergießt. Zum Schluss führt Ingeri das Ehepaar und die gesamte Knechtschaft des Hofes an die Stelle im Wald, wo Karins Leichnam noch liegt. Töre, der sich zunächst bei Gott beklagt, dass er sowohl die Ermordung seiner Tochter, als auch seine Rache zugelassen hat, gelobt, an der Stelle, wo Karin getötet wurde, eine Kirche „aus Stein und Kalk“ zu bauen. Dann nimmt er seine Tochter auf den Arm, um sie nach Hause zu tragen. In diesem Augenblick sprudelt an der Stelle, wo sie lag, Wasser aus dem Boden: die Jungfrauenquelle.
Alle knien nieder, um zu beten. Ingeri wäscht sich mit dem klaren Wasser das Gesicht. Diese Geste klärt ihren Blick und man hat den Eindruck, dass sie der böse Geist, dem sie bisher gefolgt war, verlassen hat und dass sie jetzt eine Getaufte ist. Der Film endet also mit einem doppelten Wunder, allein ausgelöst durch das Gelöbnis Töres.
Ähnlich endet der Film „Opfer“ mit einem Wunder: Alexander hatte das Gelübde getan, nicht mehr zu sprechen, wenn Gott dafür den drohenden Atomkrieg abwendet. So geschah es. Allerdings musste Alexander dafür auch sein Haus opfern, das er in einem Akt des beginnenden Wahnsinns am Ende des Films selbst anzündet. Dann wird Alexander in die Psychiatrie gebracht.



In beiden Filmen spielt der schwedische Schauspieler Alan Edwall mit, der durch die Rolle des Vaters Anton in der populären Fernsehserie „Michel von Lönneberga“ bekannt wurde: in „Jungfrauenquelle“ den Bettler, der wie ein Erzähler das Geschehen kommentiert, und  in „Opfer“ Alexanders Freund Otto, der als Postbote Beispiele übersinnlicher Ereignisse, von denen er hört, „sammelt“.
Mir kommt es so vor, dass Ingmar Bergman sich in dem visionären Bettler, der zugleich wie ein Dichter erscheint, selbst porträtierte, genau wie Tarkowski sich wohl am ehesten mit Otto identifiziert hat.
Nachdem die drei Hirten das Mädchen Karin vergewaltigt und erschlagen hatten und sie von dem Platz ihres Verbrechens geflohen waren, nicht ohne die Tote zu entkleiden und die kostbaren Kleider mitzunehmen, beginnt es zu schneien. Vieles deutet darauf hin, dass die Geschichte im März spielt, also zur Zeit der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche. Einmal wird Mariä Lichtmess erwähnt, der Tag am 2. Februar, an dem eigentlich die Kerzen geweiht werden. Aber da Karin morgens gerne lange ausschläft, so hat sie wohl den rechten Termin verpasst.
Als Karin und Ingeri am Vormittag auf ihren beiden Fjordpferden aufbrechen, scheint noch die Sonne. Als Karin tot ist, beginnt es zu schneien. Karins Leiche, die in dieser Szene aus der Vogelperspektive gezeigt wird, soll wohl mit einem weißen Tuch zugedeckt werden, das der Himmel selber schickt.
Es ist das erste von drei Wundern, die durch den gewaltsamen Tod der gläubigen Jungfrau bewirkt werden.

Mittwoch, 18. März 2020

Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Politik - Beobachtungen zum Film "Sturm über Washington" von Otto Preminger aus dem Jahre 1962




Am Montagabend (16.03.20) zeigte Arte den sehr interessanten Otto-Preminger-Film „Sturm über Washington“ (Advice and Consent) aus dem Jahre 1962. Ich mag die fünf jüdischen Regisseure, die während der Zeit des Nationalsozialismus Österreich und Deutschland verlassen mussten, und in Hollywood einige der großen Klassiker der Filmgeschichte geschaffen haben: William Wyler („Ben Hur“), Billy Wilder („Boulevard der Dämmerung“, „Sabrina“, „Ariane“) Fred Zinnemann („Zwölf Uhr Mittags“[1], „Ein Mann für alle Jahreszeiten“), Robert Siodmak („Die Wendeltreppe“, „Der Schut“) und eben Otto Preminger („Fluss ohne Wiederkehr“). Von Otto Preminger, dessen Israel-Epos aus dem Jahre 1960 erst vor ein paar Wochen auf Arte ausgestrahlt wurde[2], stammen Filme, die ich getrost als Kunstwerke bezeichnen kann. Zum ersten Mal bin ich auf den Regisseur aufmerksam geworden durch die Francoise-Sagan-Verfilmung „Bonjour Tristesse“, die mich so beeindruckt hat, dass ich mir sogleich einige seiner Filme auf DVD kommen ließ.
„Sturm über Washington“ entstand während der Kuba-Krise, als auch andere politische Filme in die Kinos kamen wie „Angriffsziel Moskau“ (Fail Safe) von Sidney Lumet (1964) oder „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate) von John Frankenheimer (1962). All diese Filme lassen den aufmerksamen Zuschauer ein wenig hinter die Kulissen der amerikanischen Politik blicken und nehmen doch eindeutig Stellung für die großen Ideale der amerikanischen Demokratie, die es vor den dunklen Mächten im Hintergrund zu verteidigen gilt.
„Advice and Consent“ zeigt den Konflikt zwischen dem traditionellem Senator Cooley, gespielt von dem hervorragenden britischen Schauspieler Charles Laughton – es war seine letzte Rolle – und dem jungen Kandidaten Robert Leffingwell, der offen für neue Ideen ist: Henry Fonda, der einst in John Fords „Young Mr. Lincoln“ einen der populärsten amerikanischen Präsidenten dargestellt hat, spielt in „Sturm über Washington“ den Anwärter auf das Außenministerium. Beide Politiker bekämpfen sich im Senat und es ist spannend zu sehen, wie diese Auseinandersetzungen in den 60er Jahren, als der junge John F. Kennedy der US-Politik eine ganz neue Richtung geben wollte (und nebenbei bereit war, mit der kommunistischen Sowjetunion unter Parteisekretär Chruschtschow zu verhandeln), im Grunde wie ein Gerichtsprozess geführt wurden, in dem sich jeder Kandidat verteidigen musste. Den beiden eher fortschrittlichen Politikern Leffingwell und Senator Anderson (Don Murray) wird dabei ihre Vergangenheit zum Verhängnis: dem einen werden Kontakte zu einer kommunistischen Gruppe in Chicago vorgeworfen, die er tatsächlich „in seiner Jugend“ konsultiert hat[3], dem anderen wird ein homosexuelles Verhältnis zu einem Kriegskameraden auf Hawaii zum Verhängnis. „Sturm über Washington“ ist der erste Film, in dem ein Club für Homosexuelle gezeigt wird. In dieser Szene ertönt sogar Frank Sinatras Stimme mit dem Lied „Heart of Mine“ aus der Jukebox. Homosexualität war in dieser Zeit in den USA und in Europa noch strafbar.
Das Drehbuch des Films geht auf den gleichnamigen Roman des New-York-Times-Korrespondenten Allen Drury (1918 – 1998)[4] aus dem Jahr 1959 zurück, der 1960 den Pulitzer-Preis für sein Debüt erhielt.
Gestern (17.03.20) zeigte Arte eine interessante Sendung über die Beziehung zwischen Amerika und Russland während der Obama-Ära und danach während der Trump-Präsidentschaft. Die Sendung „Erzfreunde Trump und Putin“ von Claire Walding (MDR)[1] nahm vordergründig für keinen der beiden Präsidenten Partei ein, aber war zwischen den Zeilen doch recht deutlich bemüht, beide Seiten, Wladimir Putin und Donald Trump, in ihrem Handeln zu verstehen. In diesem Beitrag wurde nicht, wie es sonst oft der Fall war, einseitig gegen Russland Stimmung gemacht. Selbst den 45. Präsidenten der USA konnte ich danach etwas positiver sehen als zuvor. Er ist auch nur ein Abhängiger des mächtigen „Anglo-American Establishment“, wie es Carroll Quigley in seinem gleichnamigen Buch beschrieb. Der amerikanische Historiker (und Lehrer Bill Clintons) hatte schon 1981 darauf hingewiesen, dass in den beiden Ländern Großbritannien und USA eine Elite die Politik bestimmt und nach der Weltregierung strebt. Dies weiß Wladimir Putin natürlich und er versucht auf sehr feine und intelligente Art, diese Gruppe immer wieder auszubremsen. Dennoch gelingt es ihr, ihm immer wieder den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, was manchmal gefährlich nahe an einen ernsten Konflikt zwischen den beiden hochgerüsteten Nationen geführt hat und führt. Selbst im Augenblick, während wir alle auf die Corona-Pandemie starren, findet an der neuen NATO-Grenze zu Russland ein gigantisches Manöver statt, in dem auch der Einsatz von Atomwaffen geprobt wird.





[3] Damit werden viele jüdische Filmschaffende angesprochen, die sich in den 50-er Jahren vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe  (HUAC) verteidigen mussten

Dienstag, 11. Februar 2020

Das "schnelle Geld" - Gedanken zum Hamburger Tatort "Die goldene Zeit" vom 09. Februar 2020




Eigentlich wollte ich ja am Sonntagabend die aktuelle Folge der Fernsehserie „Tatort“ anschauen, die den Titel „Die goldene Zeit“ trug. Ich hatte meinen Kursteilnehmern die Aufgabe gestellt, einmal einen Tatort-Krimi anzuschauen, weil es am vergangenen Mittwoch im 5. Band von „Schritte Plus“ in der zweiten Lektion um „Lieblingsfilme“ und auch über der Deutschen liebste Krimiserie ging.[1]
Der albanische Kursteilnehmer Shaban S., mit dem ich mich in der Pause immer gut unterhalte, erinnerte sich in diesem Zusammenhang an die deutsche Kommissar-Serie „Derek“, die in der ganzen Welt lief.
Nun habe ich am Sonntagabend den Western „Gunfight at the O.K. Corral“ vorgezogen. Dafür habe ich „Die goldene Zeit“ am Montagvormittag in der ARD-Mediathek angeschaut, was ja nun so leicht möglich ist.
Ich muss sagen, ich war doch sehr positiv berührt. 
Vielleicht lag es auch daran, dass er von einer Frau (Mia Spengler) als Regisseurin gemacht wurde. Der Film, der im Hamburger Rotlichtmilieu spielt, ist am 29. September 2019 beim Filmfest in Hamburg uraufgeführt und am Sonntag im Ersten Programm zum ersten Mal ausgestrahlt worden. Dass auch ein rumänischer Junge und einige Albaner mitspielen, ist ein interessanter Zufall, weil in meinem Kurs auch Rumänen und Albaner, bzw. Kosovaren sitzen, allerdings vom Wesen her ganz andere als diejenigen, die der Krimi vorführte.
Ich war gespannt, was sie am Montagabend im Kurs zu dem Film, der die Situation im Hamburger Kiez vermutlich sehr realistisch darstellt, sagen werden. Natürlich war ich auch deshalb berührt, weil die Rolle des Kommissars Falke von Wilke Wotan Möhring gespielt wurde, der mich als Old Shatterhand in der Neuverfilmung von „Winnetou“ vor ein paar Jahren allerdings nicht so begeistert hat, den ich aber dennoch für einen guten Schauspieler halte. Es ist schon klar, dass er dem Vergleich mit Lex Barker von vorneherein nicht standhalten konnte. 
Diese Tatort-Folge war Möhrings 13. Rolle als Kommissar Falke.
Noch beeindruckender war für mich jedoch der Wiener Schauspieler Michael Thomas (58) als Michael Lübke. Dieser Schauspieler konnte, wie ich aus der Bildzeitung vom Montag erfuhr, eigene Rotlicht-Erfahrungen in seine Rolle mit einbringen. Im Bild-Interview sagt er:
„Der Kiez ist mein Herzensort. Hier bin ich als junger Mann hin. Mit allem, was dazu gehört. Ich habe Sachen gemacht, die der liebe Gott verbietet. Ich war Türsteher, Boxer. Habe viel ausgeteilt und noch mehr auf die Fresse bekommen.“
Das muss man schon lieben. Ich weiß noch, wie ich einmal als 21-Jähriger von Blankenese, wo ich eine Woche lang in der Villa der Familie Schwanenflügel wohnen durfte, am Pfingstsonntag zum Hamburger Kongresszentrum in der Innenstadt zu Fuß gelaufen bin, wo eine große, einwöchige Tagung der Christengemeinschaft stattfand. Dabei musste ich auch durch Sankt Pauli. Eines der Freudenmädchen, die auch sonntags arbeiten mussten, hat mich freundlich angesprochen. Die verführerische, samtweiche Stimme des jungen Mädchens werde ich nie vergessen. Natürlich habe ich nicht „ja“ gesagt. Ich war nie in meinem Leben in einem Bordell.
Michael Thomas im Interview weiter:
„Ich hatte viele Prostituierte als Freundinnen, die ich für die besten Psychologinnen aller Zeiten halte. Sie hatten damals das Herz am rechten Fleck. Man neigt dazu, die Vergangenheit zu romantisieren. Aber es war in den Siebziger-, Achtzigerjahren anders. Die heutige Entwicklung mit Menschenhandel und Zwangsprostitution verachte ich.“

Im Deutsch-Kurs am Montagabend haben wir über den „Tatort“ gesprochen. Nur drei von gestern nur 13 Kursteilnehmern (manche blieben wegen des Sturmtiefs „Sabine“, das an dem Tag über Süddeutschland hinweg fegte, zu Hause) haben ihn angeschaut, die anderen hatten irgendwelche anderen Verpflichtungen. So fasste ich selbst die Handlung zusammen: es ging um einen minderjährigen Rumänen, der im Auftrag eines albanischen Clans aus Bukarest angereist war, um Johannes Pohl, den Chef eines Bordells umzubringen, weil dieser das Etablissement nicht an den Albaner-Clan verkaufen wollte. Man hat dem Jungen 2000 Euro versprochen. Dafür hat er das Angebot angenommen, einen Menschen zu töten. Er wollte seinem Vater in Rumänien mit dem Geld einen Fernseher kaufen.
Der Auftragsmord gelingt, aber Michael Lübke, der eine Art Bodygard für den Ermordeten war, dessen Vater mit Demenz im Altersheim sitzt, kommt kurz nach dem Mord dazu und findet neben der Leiche die Jacke des jungen Täters, die dieser in der Panik zurückgelassen hat. In dieser Jacke befindet sich das Handy des Jungen und ein Busticket von Bukarest nach Hamburg. Das Handy nimmt Lübke illegalerweise an sich, das Busticket findet die Polizei später. 
Michael Lübke war einst Türsteher im Kiez und  wie ein Vater für den jungen Thorsten Falke. Lübke war so eine Art Sicherheitschef der Familie Pohl, die mit ihrer „GmbH“ ein Großbordell namens „Lovedome“ (80 Girls, 14 Länder, 5 Etagen) in Sankt Pauli betreibt, „das letzte Bordell dieser Größenordnung auf dem Kiez“ (Kommissarin Grosz). Der „Spiegel“ erwähnt den Film lobend in seiner Online-Ausgabe vom 07.02.20 unter dem Titel „Der letzte Lude“.[2]
In meiner Sicht ist der Film eine Meditation über die vater- und mutterlosen Kinder unserer Zeit: Der rumänische Junge möchte seinem Vater etwas Gutes tun und mordet dafür in der reichen Hansestadt. Zum Schluss nimmt ihn die Kommissarin Grosz wie eine Mutter in die Arme. Für Michael Lübke waren die Pohls wie eine Familie und der alte, jetzt demente Lude für ihn wie ein Vater. Lübke wiederum war einst wie ein Vater für Thorsten Falke, der ihn nun als Bundespolizist verfolgen muss, wobei er ihn mehr beschützen als festnehmen möchte. Das gelingt ihm jedoch nicht. Lübke stellt sich ganz allein gegen die Albaner-Mafia, die ihn schließlich mit mehreren Schüssen niederstreckt. Er stirbt in den Armen Falkes, der sogar eine Träne für ihn vergießt.
Auch in diesem Film geht es, ähnlich wie in dem 63 Jahre älteren Western „Gunfight at the O.K.Corral“, um die Freundschaft zweier sehr ungleicher Männer, zwischen dem Kiez-Bodygard Lübke und den aufrechten Polizisten Falke.
Von den drei Kursteilnehmern, die den Film angeschaut haben, waren zwei gebürtige Albaner. Shaban, der mit 58 Jahren einer der ältesten Teilnehmer des Kurses ist, lebte wie etwa eine weitere Million Albaner, bevor er nach Deutschland kam, wo er seit fünf Jahren bei einer Bau-Firma als Fliesenleger arbeitet,  mit seiner Familie in Nord-Mazedonien. Er sagt, dass es in jedem Volk „Böse“ und „Gute“ gebe. Es hänge dies nicht von der Volkszugehörigkeit ab, sondern von dem Charakter. Manche wollten ohne zu arbeiten schnell das große Geld machen; deswegen werden sie kriminell. Die anderen wollen ihr Geld ehrlich verdienen.
Shaban meinte, die deutsche Polizei sollte mit den bösen Albanern kurzen Prozess machen; dabei machte er die Geste des Schießens, so wie sie der rumänische Junge in dem Film gemacht hatte und wie sie unzählige Jungens bei ihren Spielen „Räuber und Gendarm“ machen.
Shaban ist ungemein fleißig, hat eine Tochter, die Ärztin ist, und einen Sohn, der Architektur studiert. Er sagt, er habe eine „gesunde Familie“. In einem früheren Gespräch hat er bedauert, dass es das alte Jugoslawien nicht mehr gibt, das er als Kind noch miterleben konnte. Er sagt, das Land sei schuldenfrei gewesen, Medikamente und Krankenhaus seien kostenlos gewesen, die Mieten waren niedrig und jeder hatte Arbeit und genug zu essen. Das, was Shaban mir über das alte Jugoslawien erzählte, gilt vermutlich für alle ehemals sozialistischen Länder vor der Globalisierung.
Nach dem Zerfall Osteuropas im Zuge der Auflösung des kommunistischen Ostblocks kamen viele Osteuropäer nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Zeitarbeitsfirmen vermittelten ihnen schon in ihren Heimatländern Arbeit in deutschen Betrieben. Obwohl sie ihre Arbeiter nach dem Gesetz nur 18 Monate und drei Tage als Zeitarbeiter in der gleichen Firma arbeiten lassen dürfen, so kennen diese modernen Sklavenhalter Tricks, um sie nach drei Monaten Pause wieder an die gleiche Firma zu "verkaufen". So können die meist billigeren Arbeitskräfte nur in den seltensten Fällen eine Festanstellung bekommen. Firmen wie „Kärcher“ nutzen dies gnadenlos aus.
Die „Bösen“, die das schnelle Geld wittern, nehmen das Geschäft selbst in die Hand und „importieren“ junge osteuropäische Frauen direkt nach Deutschland, wo sie dann als Sex-Sklavinnen arbeiten müssen.
Beide Formen von Arbeitsbeschaffung sind für mich moderne Sklaverei. 
Bei der zweiten Form kommt noch Menschenhandel dazu.



[1] Im Arbeitsbuch von „Schritte Plus, Band 5“ heißt es: „Tatort“ ist eine Krimi-Serie, die in verschiedenen Großstädten spielt, zum Beispiel in Dortmund, Mannheim, Berlin, Dresden, München, ... oder auch in Luzern oder Wien. Jede Stadt hat ihre eigenen Kommissare, die im Jahr in zwei bis drei Folgen spielen. Insgesamt gibt es circa 35 Folgen pro Jahr. Die erfolgreichste Folge hatte 13,6 Millionen Zuschauer. Sie spielte in Münster und lief am 8. November 2015. Die Serie ist so beliebt, weil sie meist von aktuellen Themen handelt. Immer mehr Leute sehen den „Tatort“ nicht mehr zu Hause an, sie sehen sich den Krimi in einem Restaurant oder einer Kneipe mit anderen zusammen an. Hier wird dann diskutiert oder die Leute wetten, wer der Täter ist. Damit ist der „Tatort“ ein richtiges Event geworden.“

Sonntag, 9. Februar 2020

Freundschaft zwischen ungleichen Männern - Bemerkungen zu "Zwei rechnen ab" von John Sturges aus dem Jahre 1957




Gestern (09.02.20) zeigte Arte außerprogrammmäßig den Westernklassiker „Gunfight at the O.K.-Corral“ von John Sturges aus dem Jahre 1957. Arte verbeugte sich damit vor einem der größten Hollywood-Schauspieler, der vor wenigen Tagen im Alter von 103 Jahren verstorben ist: Kirk Douglas.
Ich kann gar nicht spontan sagen, in wie vielen Filmen mich dieser Star der goldenen Jahre Hollywoods, die auch für mich von einem goldenen Glanz umgeben sind, bereits begeistert hat. Natürlich gehört dazu seine Rolle als Spartakus. Aber zwei ältere Filme, in denen er mitspielte, haben mir noch mehr gefallen, beides Western: „The Big Sky“ von Howard Hawks aus meinem Geburtsjahr 1952 und „Man Without a Star“ von  King Vidor aus dem Jahr 1955 (Isabelles Geburtsjahr). Letzteren habe ich in den 70-er Jahren in einem Berliner Kino gesehen, also auf der großen Leinwand, was etwas ganz anderes ist als Filme im Fernsehformat anzuschauen.
Nun also kam „Zwei rechnen ab“ (welch nichtssagender deutscher Titel!), den ich natürlich auch schon einmal gesehen hatte, allerdings bisher nur im Fernsehen. Kirk Douglas spielt neben Burt Lancaster den gefallenen Menschen, der an nichts mehr glaubt, nicht einmal an sich: „Ich bin ein Niemand, seit ich geboren wurde“, sagt der Spieler und Trinker Doc Hollyday, der dennoch dem Marshall Wyatt Earp mehrmals aus der Patsche hilft, ja dem aufrechten Mann des Gesetzes sogar einmal das Leben rettet. Doc, der früher als Zahnarzt ehrlich gearbeitet hat, hat fast Tränen in den Augen, als er seiner Freundin gesteht, dass er jetzt endlich zum ersten Mal einen Freund gefunden habe.
Diese Freundschaft zwischen zwei so ungleichen Männern feiert der Film. Die eigentliche klassische Westernhandlung, die konsequent auf den Show-Down am Schluss zuläuft, spielt dabei als Hintergrund nur eine Nebenrolle.
Der Film muss den jungen Dennis Hopper, der in dem Film den komplexen Charakter eines jungen Cowboys spielt, der sich am Ende für seinen bösen Bruder entscheidet, obwohl ihm Wyatt Earp ins Gewissen geredet hatte, und dadurch sein Leben lassen muss, besonders beeindruckt haben: er übernimmt in seinem ersten eigenen Film, den er etwa zehn Jahre nach „OK-Corrall“ drehte, den Namen aus dem Western, indem er sich in „Easy Rider“ Billy nannte, während sein Freund und Partner Peter Fonda „Wyatt“ hieß.
Solche innerfilmischen Referenzen zeigen mir, wie die Filmleute untereinander verbunden sind, also eine große karmische Familie bilden, ein Thema, das mich, je älter ich werde, immer mehr interessiert.
Wie wird es für Kirk Douglas wohl sein, wenn er jetzt im Jenseits die beiden Partner seines damaligen Films wiedertrifft: den großartigen Burt Lancaster, den ich erst neulich in dem Western „The Professionals“ wieder bewundern konnte, der mich jedoch am meisten in der Rolle des Fürsten Don Fabrizio di Salina in Luchino Viscontis Literaturverfilmung „Der Leopard“ (1963) beeindruckt hat, und natürlich den zerrissenen Dennis Hopper, der durch seinen Low-Budget-Erfolg „Easy Rider“ Hollywood revolutionierte?
Der Film „Gunfight at the O.K.-Corral“ ist ein Western, der zusammen mit „Shane“ und „High Noon“ zu den großen Western der 50-er Jahre gehört. Seine Geschichte wird in Form einer Ballade erzählt, die Dmitri Tjomkin, der Komponist von „Do not forsake me O my Darling“[1] aus „High Noon“, geschaffen hat. Das Drehbuch verfasste Leon Uris, dessen Roman „Exodus“ 1960 von Otto Preminger verfilmt wurde und mich erst vor wenigen Wochen begeistert hat.

Sonntag, 2. Februar 2020

Über die Faszination des Bösen - Oliver Stones Film "Natural Born Killers" aus dem Jahre 1994



Jeff Bezos mit seinem kahlen Haupt und seiner Hakennase ist mir unheimlich.
Das kann natürlich an der Dokumentation „Die ganze Welt im Pappkarton“[1] liegen, die vielleicht ein einseitiges Bild von ihm zeichnen wollte. Aber seine Augen und sein falsches Lächeln verfolgen mich immer noch. Er hat an der Wallstreet als Broker gearbeitet, bevor er sich 1994 in einer Garage in Seattle niederließ und einen Bücherhandel begann. Heute gehören ihm 20 Prozent der Innenstadt der Metropole an der Westküste der USA. Die Zentrale seines Imperiums, ein Büroturm mit spiegelnder Glasfassade, hat er „Day One“ genannt, also „erster Tag“. Spielt der Mann, dessen religiöser Hintergrund  nicht wirklich klar ist[2], auf die sieben Schöpfungstage an?
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (Gen, 1 – 5).
Gestern (01.02.2020) fiel es mir ein, mit Lena einen Film anzuschauen, der als DVD zufällig auf meinem Fernsehtisch lag, weil ich ihn schon einmal bereit gelegt hatte. Lena fand den Film „krank“, drehte sich nach einer halben Stunde um und schlief. Ich schaute ihn zu Ende. Es handelt sich um Oliver Stones bitterböse Mediensatire „Natural Born Killers“ aus dem Jahr 1994, die ich Anfang 1995 mindestens dreimal allein im Kino sah. Damals war ich wie berauscht von dem Film, ja, man kann sagen, geradezu süchtig. Die Musik – allein drei Songs von Leonard Cohen – die Bilderflut, die beiden Hauptfiguren Mickey und Mallory, die obwohl sie innerhalb von drei Wochen 52 Menschen entlang der Route 666 umgebracht hatten, dennoch ungemein sympathisch gezeichnet werden, das alles sah ich nun gestern mit meiner schlafenden Lena an der Seite wieder – abermals allein. Dieses Mal hatte ich mehr Distanz und die Bilder entfalteten nicht die magische Wirkung wie 1995 im Kino.
Der Film, dessen Drehbuch auf eine Story von Quentin Tarantino zurückgeht, passt in meine derzeitige Beschäftigung mit dem Bösen. Der spätere Regisseur von „Inglourious Basterds“ aus dem Jahre 2009 hatte schon immer ein Faible für das Böse, genau wie der andere große Regisseur, der in einigen seiner Filmen das Böse zum Thema gemacht hat: Roman Polanski. Jetzt steht Tarantinos neunter Film, „Once upon a Time – in Hollywood“ mit sechs Nominierungen zur Oscar-Wahl in wenigen Wochen. Bei diesem Film berühren sich die beiden Meisterregisseure des Kinos zumindest thematisch: Es geht um jene Nacht im August 1969, als die Mörderbande von Charles Manson die schwangere Frau des Regisseurs Polanski bestialisch umgebracht hat. Charles Manson wird auch in „NBK“ immer wieder erwähnt, wenn es um berühmte amerikanische Killer geht.
Woody Harrelson, der in dem Film den Killer Mickey spielt, rasiert sich vor dem großen Showdown das Haar wie ein buddhistischer Mönch oder ein japanischer Ninja-Kämpfer.[3] Das blutige Finale beginnt mit einem Live Fernsehinterview aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses, in dem Mickey und Mallory (Juliette Lewis) in Einzelzellen untergebracht sind, und ufert in eine „Reality-Show“ blutigster Art aus, bei der der publikumsgeile Moderator Wayne Gale (Robert Downey Jr.) am Schluss von den beiden hingerichtet wird. Er bettelt zunächst noch um sein Leben, weil er weiß, dass M&M immer einen laufen lassen, damit sie als Zeugen vom Geschehen berichten können. Dieses Mal aber machen sie eine Ausnahme: Mickey zeigt nur auf die am Boden stehende laufende Kamera, die alles live überträgt: Es bedarf keines menschlichen Zeugen mehr.
Zum Schluss sieht man das Massenmörderpärchen, das vom Publikum geliebt wird, ein paar Jahre später in einem Wohnmobil durchs Land fahren: die schwangere Mallory schaut ihren beiden Kindern beim Spielen zu. Ironie der Geschichte: die Kinder werden vermutlich – ganz im Gegensatz zu ihren Eltern – eine glückliche Kindheit erleben dürfen, wenn Mickey und Mallory nicht doch noch gefangen werden.
Robert Downey Junior (geboren am 4. April 1965)[4], der Darsteller des TV-Moderators, war 1994 schon ein berühmter Schauspieler, nachdem er 1992 in dem Film „Chaplin“ von Richard Attenborough den genialen Komiker verkörpert hatte. Heute gilt er als bestbezahlter Filmschauspieler und als „Hollywoods heimlicher König“ (Bildzeitung vom 01.02.2020) und tourt gerade mit dem Kinderfilm „Die fantastische Reise des Dr. Doolittle“ durch die Welt. Der Bild-Kolumnist Norbert Körzdörfer, der bei dem Blatt für die Stars zuständig ist, hat ihn in Berlin im Waldorf-Astoria getroffen und mit ihm die meditative asiatische Kampfkunst „Wing Kung Fu“ geübt.
2008 ist Robert Downey jr. als Comic-Held „Ironman“ in dem gleichnamigen Film berühmt geworden und seitdem eine Ikone Hollywoods. Ich habe diesen Film nicht angeschaut und werde es wohl auch nicht mehr tun.

Der Moderator der Live-Sendung „American Maniacs“ fragt Mickey beim Interview ganz unvermittelt, ob er an Wiederverkörperung glaube. Mickey nickt fast beiläufig, so als sei das für ihn eine Selbstverständlichkeit. Von daher wird auch verständlich, wenn er Mallory gegenüber immer wieder von „Schicksal“ spricht, so gleich zu Beginn, als sie sich kennenlernen. Solche Fragen nach dem tieferen Sinn des Lebens stellt Oliver Stone in allen seinen Filmen. Auch in dem ästhetisch wohl extremsten Film des Regisseurs – er bedient sich der Schnitttechnik von „MTV“ und „Viva“, stilprägenden Vorläufern von Youtube mit den heute jederzeit verfügbaren Musik-Video-Clips –  tauchen aus dem Lärm und der Bilderflut immer wieder solche Fragen auf. So zum Beispiel auch in jener Szene, als die beiden auf ihrer Flucht zu einem indianischen Schamanen kommen, der ganz klar sieht, dass Mickey und Mallory von einem Dämon besessen sind. Als Wayne Gale Mickey später fragt, was diesen Dämon heilen könnte, sagt er nur ein Wort: „Liebe“.
Ich glaube, dass Oliver Stone den Namen des Killers nicht zufällig gewählt hat: Mickey erinnert gleichzeitig sowohl an die Comic-Figur Mickey-Mouse als auch an den Erzengel Michael. Mallory sagt in einer Szene, dass sie beim Betrachten des sternenglänzenden Nachthimmels die Engel sehen könne.
Immer mehr wird dem Zuschauer klar, dass die beiden Killer auf einer Art Mission sind: sie halten den Menschen einen Spiegel vor und offenbaren ihre geheimsten Emotionen, ihren Hass und ihre Wut. Was die biederen Amerikaner nicht zu tun wagen, sondern nur im Kino oder am Fernseher „genießen“, das vollziehen die beiden im "wahren Leben" und werden dadurch zu wahren TV-Kultfiguren.
Auch die Zahl, die immer wieder eingeblendet wird, deutet auf einen geistigen Hintergrund: 666 ist die Zahl des ersten Tieres aus der Johannes-Apokalypse (Off. 13, 1ff). Immer wieder wird eine Apparatur dieses seine Köpfe schwingenden Tieres mit eingeblendet oder mit anderen Szenen überblendet.
Nicht die beiden Killer, sondern die medial verseuchte amerikanische Gesellschaft sind die eigentlich „Besessenen“, allen voran Wayne Gale, der das Verbrechen geradezu herausfordert und damit Geld verdient.[5] Das beruht auf der Lust der TV-Gemeinde an Mord und Totschlag. Es zeigt eine menschliche Gesellschaft in der Endphase der Zivilisation, in der das Leben selbst keinen Sinn mehr macht, in der es nur noch mit Gewaltdarstellungen, Reality-TV und Soap-Operas erträglich ist. Im Grunde erzählt der Film von uns. Nicht nur Mickey und Mallory sind von einem Dämon besessen, sondern ein Großteil der „medienverseuchten“ Gesellschaft. Nicht nur hier kündigt sich die Ankunft Ahrimans an. Im Grunde ging es 1968 los, als Roman Polanski in seinem Klassiker „Rosemarys Baby“ die Geburt Satans im New Yorker „Dakota-House“ filmte.
30 Jahre später erscheint das Gesicht von Jeff Bezos in den Medien und der Mann wird einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt.
Mich erinnert er mit seinem kahlgeschorenen Haupt und seinem stechenden Blick nicht nur an Mickey Knox aus „Natural Born Killers“, sondern noch viel mehr an einen der wirkmächtigsten Magier des 20. Jahrhunderts, an den Georgier Georgij Ivanovitsch Gurdijeff (1866 oder 1877 – 1949).[6]

Heute ist das erste „palindromische Datum“ seit 900 Jahren. Man kann es von vorne und von hinten lesen: 02.02.2020. Die Zahl „zwei“ ist die Zahl des Bösen schlechthin, weil sie von der Polarität Luzifer-Ahriman handelt. Erst die Zahl „drei“ ist eine göttliche Zahl. Mit der zwei sind die beiden Hörner des zweiten apokalyptischen Tieres (aus der Erde, Off. 13, 11ff)) gemeint, aber vielleicht auch die beiden WTC-Türme in New York, die am 11. September 2001 Gegenstand eines Jahrhundert-Attentats waren, das bis heute tausenden von Menschen das Leben kostet.
Heute ist aber auch Mariä Lichtmess, der Tag, an dem sich die Mutter Gottes nach 40 Tagen „Wochenbett“ wieder in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Das Licht gewinnt ab diesem Termin wieder deutlich an Kraft.
Ich habe jetzt begonnen, mein (Film-) Tagebuch aus dem Jahr 1970, das ich endlich gefunden habe, abzutippen. Die erste Seite habe ich auf ein Foto geklebt, das aus dem Film „Tanz der Vampire“ von Roman Polanski stammt, den ich am Dienstag, den 30. Dezember 1969 im Ellwanger Regina-Kino zum ersten Mal gesehen hatte.
Dort steht (leider ohne Quellenangabe):
„Der Berliner Goldbärengewinner, Regisseur Roman Polanski („Wenn Katelbach kommt“), regiert zur Zeit im Elstree-Studio bei London über eine Unzahl schrecklicher Vampire. Er dreht dort die Horror-Komödie ‚The Vampire Killers‘ und spielt darin selbst eine wichtige Hauptrolle (auf unserem Foto mit dem ‚Katelbach‘-Darsteller Jack MacGowran). Der Film berichtet von zwei Männern, die im Phantasieland Transylvanien alle dort ansässigen Vampire ausrotten und die schöne Sarah (US-Neuentdeckung Sharon Tate) retten wollen. Polanski will mit dem für 5,6  Millionen Mark erstellten Blutsauger-Lustspiel (seinem ersten amerikanischen Film übrigens) nach seinen eigenen Worten ‚dem Publikum nur Spaß bereiten‘ und keine tiefenpsychologische Studie bieten.“
Diesen Zeitungsausschnitt las ich heute Morgen. Er stammt aus der Zeit der Dreharbeiten des Films, also lange vor August 1969, als die „US-Neuentdeckung“, die Polanski und MacGowran „retten wollen“ zusammen mit anderen Gästen in Polanskis Villa ermordet wurden. 
Was mich immer bewegt hat, war der Schluss des Films, der nicht nur vom Titel her an Stones „Natural Born Killers“ erinnert: die angeblich gerettete Sarah (Sharon Tate) verwandelt sich in einen Vampir und beißt im Schlitten, mit dem die beiden Vampirjäger nach der vermeintlichen Vollendung ihrer Mission zufrieden zurückfahren, Professor Abronsius‘ Assistenten Alfred (gespielt von Roman Polanski selbst), in den Hals. Über der Landschaft erscheint die Schrift, die immer wieder einen geheimen Grusel in meiner Seele erzeugt:

„In jener Nacht wusste Professor Abronsius noch nicht, dass er das Böse, das er für immer zu vernichten hoffte, mit sich schleppte. Mit seiner Hilfe konnte es sich endlich über die ganze Welt ausbreiten.“
Ich glaube tatsächlich, dass Polanski 1966 nicht nur für viel Geld einen Klassiker des Kinos – der inzwischen sogar zu Musical-Ehren gekommen ist – gedreht hat, sondern dass er – vielleicht ohne es zu ahnen – das Böse „in die Welt“ gebracht hat.

Natürlich weiß ich, dass das Böse seit dem Sturz der Geister der Finsternis im November 1879 tatsächlich in den menschlichen Seelen zu wirken versucht, aber es hatte wohl eine Inkubationszeit von knapp 100 Jahre gebraucht, bis „der Virus“ wirklich via Kino (und Fernsehen) die Menschen seelisch ergriff, die sich nicht mit Hilfe der Geisteswissenschaft schützen konnten. Nicht zufällig wurde Roman Polanskis hübsche Frau Sharon Tate am 9. August 1969 Opfer jenes fürchterlichen Mordes, der die ganze Welt erschütterte, und der, wie gesagt, nun Gegenstand des neuesten Films von Quentin Tarantino ist.



[3] Dadurch ähnelt er ein wenig Jeff Bezos, der allerdings im Jahre 1994 den Schädel noch nicht kahlrasiert trug wie heute.
[5] Auf Wikipedia ist zu lesen: "The character of Wayne Gale, the television host of American Maniacs, functions in the film as a figurehead of lurid true crime television documentaries, which recycle real-life incidents of violence and criminal activity into entertainment for the general public. On several occasions, expressionistic jump cuts featuring Gale as a blood-soaked Satan are interspersed into the film (...)"  https://en.wikipedia.org/wiki/Natural_Born_Killers

Dienstag, 28. Januar 2020

"Größte Feinde der Welt"? - Bemerkungen zum Film "Das Tagebuch der Anne Frank" aus dem Jahre 2015 von Hans Steinbichler




Gestern (28.01.2020) Abend zeigte 3SAT im Nachklang des Holocaust-Gedenktages den deutschen Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ von Hans Steinbichler aus dem Jahre 2015[1]. Ich habe das Tagebuch leider nie gelesen, obwohl es schon lange in meinem Bücherregal steht – gestern konnte ich es allerdings nicht finden.
Das jüdische Mädchen Anneliese Marie Frank bekam zu seinem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 ein Tagebuch geschenkt. Die Unternehmerfamilie stammte eigentlich aus Frankfurt am Main. Da der Vater eine Dependance seiner Firma „Opekta“ in Amsterdam hatte, floh er mit Frau und zwei Töchtern in die niederländische Stadt, wo die vier recht komfortabel in einem Hinterhaus unterkommen konnten. Später kamen noch ein jüdisches Ehepaar mit Sohn und ein jüdischer Zahnarzt dazu. So lebten also knapp zwei Jahre lang acht Personen in dem ca. 60 Quadratmeter großen Versteck.
Die 16-jährige Darstellerin der Anne Frank, Lea van Acken, ist später durch Filme wie „Ostwind 3“ und „Fack ju Göhte 3“ bekannt geworden. Ich finde, sie spielt das jüdische Mädchen recht überzeugend.
Es ist ein stiller Film, der nicht auf starke Effekte setzt. Am furchtbarsten sind meinem Empfinden nach noch die Szenen, als den drei Frauen nach der Entdeckung und der Deportation am Ende in Auschwitz die Haare geschoren werden.
Ich kann einfach nicht fassen, wie Deutsche bei diesen Verbrechen mitmachen konnten. Es muss eine Art Massenpsychose das deutsche Volk ergriffen haben, ein wirklich böser Geist. Was damals, sieben Jahre vor meiner Geburt, in Deutschland passiert ist, erscheint mir wie ein schlimmer Alptraum, wie ein böser Zauber, in den der größte Teil des deutschen Volkes hinein „gebannt“ worden war. Es kann einfach nicht sein, dass so viele Deutsche freiwillig mitgemacht haben, die völlig irre Idee umzusetzen, das „Deutsche Reich“ judenfrei zu machen.
Als ich gestern nach der Taschenbuchausgabe des Tagebuchs der Anne Frank in meinem Bücherregal suchte, sah ich, wie viele Bücher von jüdischen Autoren ich besitze: acht Bände von Stefan Zweig, sieben Bände von Joseph Roth, fünf Bände von Jakob Wassermann stehen nebeneinander allein in dem Regal in meinem Arbeitszimmer. Die meisten davon waren in den 20er Jahren Bestseller in Deutschland und werden bis heute aufgelegt.
Ich glaube auch nicht, dass eine deutliche Mehrheit in Deutschland vor 1918 antisemitisch eingestellt war. Erst als die Deutschen Angst vor einer kommunistischen Machtübernahme nach dem Ersten Weltkrieg bekamen, wo sie doch erfahren hatten, was das in Russland bedeutete, schwenkten immer mehr – verstärkt durch die Propaganda der neugegründeten NSDAP – um und fassten Misstrauen gegenüber den Juden. Viele Juden waren ja bekannt als Kommunisten.
Ein Übriges taten die Schriften Henry Fords („Der internationale Jude“) und vor allem die „Protokolle der Weisen von Zion“. Ich denke aber nicht, dass solche Pamphlete vor der Machtergreifung  der Nationalsozialisten (1933) weite Verbreitung in der Bevölkerung erlangten. Die Menschen hatten andere Alltagssorgen. Dann allerdings setzte eine massive Hetze in Wort und Bild ein, die viele Deutsche von dem zersetzenden und verschwörerischen Einfluss von Juden überzeugten. Selbst Anne Frank notierte in ihrem Tagebuch, vermutlich von gängigen jüdischen Überzeugungen angeregt, dass es keine größere Feindschaft auf der Welt gebe als die zwischen Juden und Deutschen.
Dieses Zitat wird im Film ausgesprochen und es hat mich erschüttert, dies aus dem Mund eines 14-Jährigen Mädchens zu hören, das kaum in der Lage gewesen sein dürfte, deutsche Kultur in ihrer wahren Tiefe zu kennen. Natürlich gab es, wie wir heute wissen, seit Martin Luther und Richard Wagner immer starke Vorbehalte gegen „jüdisches Wesen“, aber das führte doch im Deutschen Kaiserreich oder in der Weimarer Republik nie zur Verfolgung oder Ausgrenzung jüdischer Mitbürger, sondern ganz im Gegenteil: Juden waren als große Wissenschaftler, Ärzte, Rechtsanwälte und nicht zuletzt als große Musiker und Schriftsteller bei den meisten Deutschen anerkannt und beliebt. Allerdings war auch vielen Deutschen bewusst, dass vom Kommunismus marxscher Prägung durchaus eine reale Gefahr für Deutschland, ja ganz Europa ausging. Ich glaube sogar, dass der hauptsächlich von Juden getragene sowjetische Bolschewismus mit seinem Terror und seinen Lagern die Angst vieler Deutscher vor den Juden befördert und schließlich zu dem weit verbreiteten Antisemitismus geführt hat, den heute so viele den Deutschen vorhalten.
Die Frage, ob Juden die Deutschen tatsächlich als „Erzfeinde“ betrachten und – wenn sie die Macht hätten – mit ihnen genauso verfahren würden wie die Nazis mit den Juden, stelle ich mir manchmal. Es ist ein „Gedankenspiel“ wie zum Beispiel dieses: Wenn Israel die Atombombe Irans fürchtet, so kann ich mir durchaus vorstellen, dass der jüdische Staat durch eine Atombombe auf Teheran einen Dritten Weltkrieg auslösen könnte, der dem Erscheinen des Messias, auf den Teile des jüdischen Volkes in ihrem religiösen Wahn bis heute warten, vorausgehen würde. Das glauben jedenfalls nicht nur orthodoxe Juden, sondern auch fundamentalistische evangelikale Christen.
Hier lauern meiner Meinung nach die wirklichen Gefahren.

Montag, 27. Januar 2020

Die Gründung Israels im Film - Beobachtungen zu Otto Premingers Film "Exodus" aus dem Jahre 1960




Nun habe ich gewiss über 50 Jahre warten müssen, bis ich den Film „Exodus“ gestern Abend auf Arte zum ersten Mal sehen konnte. Die bekannte Melodie habe ich als Junge schon gehört, weil ich eine LP mit den schönsten Filmmelodien besaß. Auch meine Sympathien gehörten damals natürlich jenen Menschen, die in Israel ihre neue Heimstatt gefunden hatten. Wir sangen an jedem Lagerfeuer unter anderen auch das Lied „Hava nagila hava“.

Heute sehe ich die Gründung des Staates Israel weit kritischer, auch wenn ich einsehe, dass an der historischen Tatsache nicht mehr zu rütteln ist.
Der Film spielt im Jahre 1947, unmittelbar vor der Gründung des Staates. Er zeigt, wie mit Juden vollbeladene Flüchtlingsschiffe in Zypern landen und die Passagiere dort in Lagern untergebracht werden, weil die Engländer nicht wollen, dass sie nach Israel gelangen. Dort siedeln zwar schon Juden in ihren Kibbuzim, aber es sollen nicht noch mehr werden. Nach dem Zerfall des bis zum Ersten Weltkrieg mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches, an dem der britische Offizier T.E. Lawrence[1] einen nicht unerheblichen Anteil hatte, stand Palästina unter britischer Verwaltung. Nun gab es mindestens zwei jüdische Untergrundorganisationen, die versuchten, das Versprechen der Briten aus dem Jahre 1917 („Balfour Declaration“) umzusetzen: die „Haganah“ versuchte es eher auf diplomatischem Weg („mit reden“), die „Irgun“ mit Terror („handeln“), der sich vor allem gegen britische Einrichtungen in Palästina richtete.
Der Film ist nun so konstruiert, dass Repräsentanten von vier Menschengruppen vorgestellt werden: Paul Newman spielt den gemäßigten Haganah-Offizier Ari Ben Kanaan, dem es gelingt, etwas mehr als 600 jüdische Flüchtlinge mit einem Schiff von Zypern nach Palästina zu bringen, der aber auch jederzeit zur Waffe greift, wenn es notwendig erscheint, so zum Beispiel zur Befreiung einiger zum Tode verurteilter Irgun-Mitglieder aus dem Gefängnis in Akron[2].
Unter den zum Tode Verurteilten ist Aris Onkel Akiva Ben Kanaan (David Opatoshu), der Anführer der Irgun-Milizen, sowie der junge Holocaust-Überlebende Dov Landau (Sal Mineo), der entschlossen ist, für Israel zu kämpfen und, wenn nötig, zu sterben. Er hatte als Mitglied des Sonderkommandos helfen müssen, den getöteten Juden  die Goldzähne herauszubrechen und ihnen mit Sprengstoff Massengräber zu bereiten, weil die Krematorien am Anfang nicht ausreichten. Er hatte sich voller Hassgefühle in Jerusalem nach der Ankunft der „Exodus“ sofort der Irgun angeschlossen und auf die Bibel geschworen, dass er kein Mitglied verrät, falls er gefangen werden sollte, ganz gleich wie sehr er auch gefoltert würde. Diese Szene ist für mich die beeindruckendste und zugleich unheimlichste des Films und ich vermute, dass sie authentisch ist. Auf der Bibel (Altes Testament) liegt bei seinem Schwur eine Pistole und Akiva, der Auschwitz offenbar auch aus eigenem Erleben kennt, hält die Menora, als Dov schwört, nachdem er unter Tränen gestanden hatte, dass er Mitglied des Sonderkommandos[3] gewesen war.
Dov hat bereits im Flüchtlings-Camp auf Zypern Bekanntschaft mit der 14-jährigen, blonden Jüdin Karen Hansen (Jill Haworth) gemacht, die auch für Israel brennt, obwohl sie die schreckliche Zeit in Dänemark überlebt hat, nachdem sie von ihren jüdischen Eltern getrennt worden war. Die Liebe der beiden jungen Zionisten ist ein wesentlicher Handlungsstrang des Films. Der andere Handlungsstrang ist die Liebe zwischen Ari Ben Kanaan und der amerikanischen Christin Katherine (Kitty) Fremont (Eva Maria Saint), einer hübschen blonden Witwe, die sich schließlich als Krankenschwester auf der „Exodus“ und später im Kibutz Gan Dafna nützlich macht. Dieses Kibutz in der Nähe des Berges Tabor wird geleitet von Aris Vater Barak Ben Kanaan (Lee J. Cobb), einem erfahrenen Juden, der die Kinder des Kibutz wie junge kommunistische Pioniere auf Verteidigung einübt, weil er schon damit rechnet, dass die Araber spätestens, wenn die UNO Israel als eigenen Staat anerkennt, die jüdische Siedlung angreifen werden, obwohl sie bisher friedlich mit der benachbarten arabischen Siedlung koexistiert hatte. Barak hatte sogar einen arabischen Freund, dessen Sohn Taha (John Derek) in Gan Dafna ein- und ausgeht.
Es gibt in dem Film ein paar Szenen, in denen der Jude Ari, der Moslem Taha und die Christin Kitty friedlich zusammenstehen und über die Gegenwart und Zukunft diskutieren. Hier entwickelt der Film die schöne Utopie, dass alle drei Bevölkerungsgruppen eines Tages friedlich in Palästina leben könnten. Ich kenne diese Konstellation natürlich aus Lessings „Nathan der Weise“. Leider sieht die Wirklichkeit schlussendlich – und bis heute – anders aus: Nachdem im Mai 1948 die UNO-Abstimmung über die Anerkennung Israels als Staat stattgefunden hatte, bei der 33 Länder für die Zweistaatenlösung und bei zehn Stimmenthaltungen 13 dagegen gestimmt hatten, kam es – wie befürchtet – zum arabischen Aufstand unter Anführung des Großmufti von Jerusalem, Mohamed Amin Al-Hussayni, der schon Kontakte zu Hitler gepflegt hatte und nun im Film von einem späten deutschen Nazi angeleitet wird, der den Namen von Storch (Marius Goring) trägt. Hier kommt er wieder leibhaftig ins Spiel: der abgrundtief böse Deutsche, der den jungen Araber Taha als Verräter hängen lässt, nachdem er ihm den Davidstern auf die nackte Brust ritzen und eine rote Swastika an die Wand malen gelassen hatte. Taha wird schließlich Seite an Seite mit der jungen Karen begraben. Am Grab schwört Ari, dass er alles dafür tun werde, dass Araber und Juden nicht nur im Tod beieinander liegen dürfen, sondern auch im Leben friedlich nebeneinander leben dürfen.
Der Film hatte einen enormen Einfluss auf das Bild der amerikanischen Bevölkerung von Israel, wie es auf der englischen Wikipediaseite heißt:[4]
„Often characterized as a ‚Zionist epic‘, the film has been identified by many commentators as having been enormously influential in stimulating Zionism and support for Israel in the United States.”
So entpuppt sich auch der Film “Exodus” des österreichisch-jüdischen Emigranten Otto Preminger (1905 – 1986), dessen Film „River of no Return“[5] ein Meisterwerk des Western-Genres ist, als  Propaganda mit der ganz bestimmten Absicht, das Publikum emotional davon zu überzeugen, dass die Gründung des jüdischen Staates die einzige Überlebensmöglichkeit der von allen Staaten abgewiesenen Juden gewesen sei. Diese Überzeugung haben selbstverständlich nahezu alle Überlebende des Holocaust, die in Israel eine neue (und sichere?) Heimat gefunden haben. So zitiert die Bildzeitung in ihrer heutigen Ausgabe (Holocaustgedenktag 27.01.) auf ihrer letzten Seite 21 Überlebende, deren von Martin Schoeller fotografierte Porträts  zurzeit in der Zeche Zollverein in Essen ausgestellt werden (Titel „Survivors“). Frau Lea Snapp, 1927 in Ungarn geboren, sagt: „Als Juden haben wir gelernt, dass es nur ein Land für uns gibt: Israel.“ Und Frau Cipora Faivlovitz, im selben Jahr in Rumänien geboren, meint: „Juden sollten hier, in Israel, ihre Familien gründen und eine gesunde, freie Gesellschaft aufbauen.“ Am überzeugendsten für mich ist die Aussage von Sara Leicht, 1929 ebenfalls in Rumänien geboren; sie sagt:
„Das Wichtigste, was wir tun können, ist, zu lieben. Mehr zu lieben und jeden zu lieben. Unsere Mitmenschen zu lieben, egal, wer sie sind.“
Dies ist für mich im Grunde auch die eigentliche Botschaft des Films „Exodus“, in dessen Kraftzentrum die Christin Katharina Fremont steht, eine blonde Amerikanerin, die der presbyterianischen Gemeinde angehört. Die Christin erkennt, dass die Liebe sogar Glaubens- und Rassengrenzen überwinden kann.
Für diese Aussage bin ich Otto Preminger und seinem Drehbuchautor Dalton Trumbo, der als vermeintlicher Kommunist ein ganzes Jahrzehnt lang auf der „Blacklist“ des Komitees für „Unamerikanische Aktivitäten“ stand, dankbar.
Es wird in der Realität sicher noch Jahre dauern, bis jüdische Siedler und muslimische Araber im Heiligen Land im christlichen Sinne friedlich miteinander leben können. Aber die Hoffnung sollte man nicht aufgeben.




[1] Das Epos „Lawrence von Arabien“ zeigt Arte in wenigen Wochen (am 16.02.2020).
[2] Diese alte Templerfestung, die König Löwenherz im dritten Kreuzzug von den Moslems zurückerobert hat, hat E.T. Lawrence einst erforscht, als er noch archäologisch in Palästina unterwegs war, bevor er sich dann politisch engagierte.
[3] Die sogenannten „Sonderkommandos“ bestanden aus jüdischen Lagerinsassen, die gezwungen wurden, ihre eigenen Leute zu begraben und ihnen vorher die Goldzähne herauszubrechen. Menschen, die so etwas verlangen, sind für mich wirklich abgrundtief böse. Die Juden, die dabei mitmachen mussten, hatten wohl keine andere Wahl. Ich denke, dass sie für ihr Leben schlimmer psychisch zerstört waren als diejenigen, die durch den Tod erlöst wurden.