Samstag, 9. November 2019

Ideologische Verblendung - Gedanken zum Film "Menschliches Versagen" von Michael Verhoeven aus dem Jahre 2008




Obwohl ich mich nachdem ich um 5.00 Uhr aufgewacht war, wieder hinlegte, um weiterzuschlafen, konnte ich es nicht mehr. Ich musste aufstehen, um weiter zu schreiben. Entscheidend war dabei ein Name: Christoph Probst.
Gestern rief mich gegen 18.00 Uhr Dorothea an und fragte mich, ob ich Lust hätte, ins Kino am Schafstall mitzukommen. Dort würde der Dokumentarfilm „Menschliches Versagen“ von Michael Verhoeven aus dem Jahre 2008 gezeigt. Der Regisseur sei anwesend.
Ich weiß nicht, was mich bewogen hat, Ja zu sagen. Jedenfalls fuhren wir eine Stunde später in die Stadt und begaben uns in das Haller Ausnahme-Kino, in dem ich bisher noch nie war.
Wir waren früh dran, aber nicht die ersten. In der letzten Reihe saßen bereits Renate und Hans-Jürgen Deck, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sie hatten Dorothea wohl auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht, die zusammen mit dem Kulturbüro des Hällisch-Fränkischen Museums anlässlich der Reichspogromnacht durchgeführt wurde.
An diesem Abend gedachte ich also zusammen mit etwa 60 Hallern nicht des Mauerfalls vor 30 Jahren, sondern der „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938.[1] Ich bekam nach der Veranstaltung einen Flyer von Renate Deck in die Hand gedrückt, durch den sie auf eine Gedenkveranstaltung für Christoph Probst aufmerksam machte, die heute im Rathaus Forchtenberg anlässlich seines 100. Geburtstages stattfinden wird. Der „Dritte im Bunde“ war am 22. Februar 1943 zusammen mit Sophie und Hans Scholl von den Nationalsozialisten hingerichtet worden, nachdem sie antinazistische Flugblätter in der Münchner Universität verteilt hatten.
Christoph Probst war am 7. November 1919 in der Stadt Murnau geboren, die ich erst gestern in meinem langen Text zu Udo Wieczoreks Buch „Seelenvermächtnis“ erwähnt hatte.[2] Er war also exakt elf Tage vor meiner Mutter auf die Welt gekommen. Obwohl sich die beiden sicher im Leben nie begegnet sind, so waren sie doch gleichzeitig auf dem Weg zur Erde, als sie sich vor hundert Jahren zur Inkarnation anschickten.
Michael Verhoeven, der mit Christoph Probst Medizin studiert hat, hatte 1982 den ersten wichtigen, halbdokumentarischen Film über „Die weiße Rose“ gedreht, der das Trio aus dem deutschen Widerstand weiten Kreisen bekannt machte. In dem Film spielte der heute weithin bekannte deutsche Schauspieler Ulrich Tukur ein weiteres Mitglied des Bundes im Zeichen der (weißen) Rose, Willi Graf.
Den Regisseur, der seit 1966 mit der überaus beliebten und bekannten deutschen Schauspielerin Senta Berger verheiratet ist, erlebte ich als äußerst sympathischen Mann, der mit seiner ruhigen Art in der Diskussion nach dem Film die Emotionen mancher Rede-Beiträge dämpfte. Er ließ sich nicht vor den Wagen einer „Antifa“ von „Gutmenschen“ spannen, die nachträglich meinen, über das „menschliche Versagen“ vieler Deutscher, die von der Arisierung zur Zeit des Dritten Reiches profitiert hatten,  richten zu sollen.
Es war in der Tat so, dass bereits früh alle jüdischen Mitbürger des Reiches ihre Vermögenswerte angeben mussten, die ihnen später, als sie nach Kriegsbeginn in die „Arbeitslager“ im Osten deportiert wurden, ersatzlos abgenommen wurden. Durch den Film wurde aber auch deutlich, dass unter den etwa fünf- bis sechstausend jüdischen Haushalten der Stadt München viele wohlhabende Juden waren, die im Zentrum der Stadt Geschäfte und in den Vororten Villen besaßen. Selbst die größte Bier-Brauerei des Reiches, die Münchner Löwenbrauerei, war in der Hand eines jüdischen Unternehmers.
Es wird auch klar, dass das Berufsverbot für Juden nach 1933 nur eingeschränkt galt. Zahlreiche jüdische Rechtsanwälte und Ärzte, die nicht bereits freiwillig ausgewandert waren, durften weiter praktizieren, einer durfte sogar seine Klinik bis 1939 weiterführen. Außerdem ist mir im Film das Beispiel eines bekannten (koscheren) Münchner Restaurants aufgefallen, an das eine Kochschule angeschlossen war. Der Besitzer versuchte, auswanderungsbereiten Juden mit der Ausbildung zum Koch oder Metzger einen handwerklichen Beruf zu vermitteln, durch den sie zum Beispiel in den Vereinigten Staaten die Chance bekamen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Obwohl die Kochschule nach der Reichskristallnacht geschlossen und die jüdischen Besitzer ins Lager Dachau gebracht wurden, wurden sie wenige Wochen später wieder frei gelassen und durften das Restaurant weiter betreiben.
Es ist also nicht alles nur Schwarz-Weiß, wie es manchem Spätgeborenen ins Konzept passt.
Natürlich war der Nationalsozialismus wie der Kommunismus eine totalitäre Ideologie, die menschenverachtend über Tod und Leben der Menschen bestimmte. Der Titel „Menschliches Versagen“ weist dezent darauf hin: Der Nationalsozialismus wird als ein Unglück gesehen, der auf menschlichem Versagen beruht, ähnlich wie es bei einem Zug- oder Busunfall der Fall ist, der durch einen Augenblick der Unaufmerksamkeit des Fahrers verursacht wurde.
Im Grunde kann man auch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf der Seite des Deutschen Reiches auf „menschliches Versagen“ zurückführen, wenn man an den Kreis von etwa 15 Menschen denkt, die damals in Berlin die Verantwortung trugen. Im Nachhinein ist man immer klüger.
All die Millionen Opfer, die in diesem Krieg und seiner Fortsetzung im Zweiten Weltkrieg zu beklagen sind – und damit meine ich nicht nur die Juden, die seit 1978 ihr trauriges Schicksal bei jeder Gelegenheit hervorheben zu müssen glauben (um daraus handfesten materiellen Profit zu schlagen)[3] – stehen jetzt als „Ankläger“ vor einem höheren Richter oder sind bereits wieder inkarniert. Auch die „Täter“, die aktiv an dem Leid dieser „Opfer“ beteiligt waren, stehen vor dem Richter.
Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit, davon bin ich überzeugt.
Aber es gibt auch die Pflicht der Nachgeborenen, die Augen vor den historischen Ereignissen der Vergangenheit offen zu halten.
Dazu hat der Film von Michael Verhoeven beigetragen. Dafür bin ich ihm dankbar.




[1]Einen kurzen Hintergrundbericht dazu veröffentlichte der Spiegel am 08.11.2008, also im selben Jahr, als Michael Verhoevens Film aufgeführt wurde:
https://www.spiegel.de/geschichte/70-jahre-reichskristallnacht-startschuss-fuer-den-systematischen-terror-a-948000.html



[2] Ich habe den Text fast unverändert auf meinem Blog „Kommentare zum Zeitgeschehen“ veröffentlicht: https://jzeitgeschehenkommentare.blogspot.com/2019/11/woher-die-liebe-kommt-gedanken-zu-einem.html
Wie ich eben sehe, wurde der Text seit gestern Nachmittag schon 30-mal angeklickt.
[3] Wie es der Jude Norman Finkelstein in seiner Studie „Die Holocaust-Industrie“ belegt.

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