Montag, 6. Juni 2016

Gott und der Teufel im Warschauer Ghetto: Roman Polanskis „Der Pianist“ aus dem Jahre 2002



Am Sonntagabend, den 05. Juni 2016, zeigte Arte als Auftakt einer fünfteiligen Werkschau mit Filmen des Regisseurs Roman Polanski (geboren 1933) sein preisgekröntes Meisterwerk „Der Pianist“ aus dem Jahre 2002. Ich hatte den auch in meinem Freundeskreis viel gerühmten Film bisher noch nicht gesehen. Wenn ich jetzt, einen Tag später, über den Film schreibe, den auch Helena mit Interesse anschaute, stehen mir seine Bilder immer noch vor Augen. Es ist ein „intensiver“ Film. Er basiert auf den bereits 1946 erschienenen Erinnerungen des polnisch-jüdischen Pianisten Wladislav Szpilman (1911 – 2000). Der Film wurde kurz nach dessen Tod begonnen und verarbeitet auch die Erinnerungen des jungen Roman Polanski, der selbst als Kind im Warschauer Ghetto gelebt hat.
Die Zustände im Ghetto, die der Film zeigt, dürften also weitgehend der Wahrheit entsprechen und erzeugen in mir als Angehöriger des Volkes, die dieses Ghetto geschaffen hat, nur Scham und Wut. Hier gilt es nichts zu beschönigen. Es muss unter den Deutschen, die dieses Ghetto bewachten, dort immer wieder Razzien durchführten und dann schließlich die Stadt in der Stadt auflösten, um ihre Bewohner in die Arbeitslager zu deportieren, wo viele von ihnen dann umgekommen sind, wirkliche Verbrecher gegeben haben, die jedes Maß an Menschlichkeit verloren haben. Für mich ist das unbegreiflich.
Durch den Film schaue ich über 120 Minuten lang in die Fratze dieser Deutschen. Es ist für mich schier unerträglich. Ich will es einfach nicht glauben oder wahrhaben, dass es in „meinem“ Volk solche Menschen gab. Aber der Film erzählt, was wirklich geschehen ist.
Umso größer ist der Kontrast zwischen den unmenschlichen und kulturlosen Deutschen, die der Zuschauer in diesen 120 Minuten kennenlernt und dem jüdischen Pianisten, der in dieser apokalyptischen Zeit wie durch ein Wunder überlebt und schließlich von einem deutschen Offizier gerettet wird. In keinem Augenblick wendet er Gewalt an, in keinem Augenblick verliert er seine menschliche Würde, auch wenn er durch Hunger, Krankheit und Flucht gehen muss und zum Schluss beinahe nur noch aus Haut und Knochen besteht.
Der großartige Schauspieler Adrien Brody, der unter 1400 Darstellern ausgewählt wurde, gibt diesem Menschen ein bleibendes Gesicht, das jeder, der den Film gesehen hat, wohl nicht mehr vergessen kann.
Was mich besonders berührt und freut, ist, dass es in dem Film auch einen Deutschen gibt, der Menschlichkeit zeigt. Es ist der Offizier Wilhelm Hosfeld, der den halb verhungerten Szpilman im letzten Kriegsjahr in einer Ruine entdeckt und ihm Lebensmittel bringt, anstatt ihn zu erschießen, zu verhaften oder zu verraten. Hier wird Gott sei Dank in ebenso eindrucksvollen Bildern am Ende des Films auch die andere, die edle Seite des deutschen Soldaten gezeigt.
Auch diese sympathische Figur prägt sich in das Gedächtnis des Zuschauers ein und bildet dadurch ein gewisses Gegengewicht zu den barbarischen Nazis aus dem Warschauer Ghetto, die mit ihren feisten oder hasserfüllten Visagen eher wie Tiere als wie Menschen gezeichnet sind. Dass es sich dabei um charakterschwache Typen handelt, die ihre Stellung ausnützten, um Wehrlose zu erniedrigen, zu tyrannisieren und zu ermorden, ist leider eine psychologische Tatsache, die auch heute noch grausame Wirklichkeit werden kann. Solchen „Würstchen“ darf kein Regime Macht verleihen, sonst heißt es: „Wehe, wenn sie losgelassen.“
Diese „Mitläufertypen“ sind jedoch nicht repräsentativ für das deutsche Volk. Sie gibt es leider in jeder Ethnie, egal ob in Afrika (die Genozide zwischen den Tutsi und den Hutu in Ruanda-Burundi), in Kambodscha (die Schergen der kommunistischen Roten Khmer unter Pol Pot), in der Türkei (der Völkermord an den Armeniern durch die sogenannten Jungtürken), in der ehemaligen Sowjetunion (die Vertreibungen unter Stalin und die Gulags der Kommunisten), nicht zu vergessen die Briten (1943 in Bengalen) und die Amerikaner (die Behandlung der nordamerikanischen Ureinwohner in den Reservationen oder das Massaker von My Lai in Vietnam). Das sind nur einige wenige Beispiele aus der Chronik der menschlichen Grausamkeiten, die in der Regel keine hundert Jahre zurückliegen. 
Was die IS-Islamisten in Syrien oder dem Irak, die Truppen der Boko Haram in Nigeria, oder die Milizen der Al- Shabaab in Somalia anrichten, gehört in die gleiche Kategorie.
Leider tragen auch viele Filme und Computerspiele zur „Entmenschlichung“ und „Verrohung“ charakterschwacher Menschen bei, die dann später die „gespeicherten“ Bilder nicht mehr loswerden und zum Beispiel in Amokläufen zur Tat schreiten oder sich freiwillig dem IS anschließen. Solche „lebenden Zeitbomben“ gibt es leider heute auf der ganzen Welt.
Das Schlimme im Dritten Reich war, dass solche Menschen in großer Anzahl plötzlich Macht erhielten. Der Krieg und die blutigen Kämpfe trugen ein Übriges dazu bei, solche Menschen weiter zu entmenschlichen. Dabei war es praktisch, dass die Nazi-Ideologie in den Juden die Urheber aller Übel „ausgemacht“ hatte. An den durch Deportationen Vertriebenen und in Ghettos Zusammengepferchten konnten dann die irre geleiteten Nazis ihre Hass- und Rachegefühle ausleben. Dass solche niederen Gefühle auch bei Mitgliedern eines Kulturvolkes wie den Deutschen vorkamen und auch heute noch vorkommen (wie man an vielen Hass-Kommentaren zum Beispiel auf Facebook nachprüfen kann), ist besonders erschreckend und erklärt vielleicht die immer wiederholte Darstellung deutscher Gräueltaten in ungezählten Hollywood-Filmen, die diese Zeit behandeln.
Ich will hier nicht den Inhalt des Films erzählen. Ich habe mir heute die Erinnerungen des Pianisten Wladislaw Szpilman und des deutschen Soldaten Wilhelm Hosfeld, der ihn gerettet hat, bestellt. Jeder kann das nachlesen.
Ich möchte nur an zwei Stellen des Filmes erinnern, die mir aufgefallen sind, und die eigentlich für mich der Beweis dafür sind, dass Roman Polanski und Wladislaw Szpilman durchaus wussten, worum es in dieser ganzen blutigen Geschichte in einer tieferen Schicht ging. Zweimal wird das Wort „Gott“ ausgesprochen. Einmal ganz am Anfang, als ein älterer Jude angesichts der Gräueltaten der Nazis im Ghetto sagt, er glaube nun nicht mehr an Gott. Das zweite Mal wird Gott erwähnt, als Wladislaw Szpilman dem deutschen Offizier danken will. Dieser antwortet schlicht und einfach: „Danken Sie Gott!“

Der eine verliert seinen Glauben und wird wahrscheinlich in einem Konzentrationslager umkommen. Der andere hat seinen Glauben bewahrt und kann dadurch menschlich gegenüber dem Juden handeln. Das Tragische ist, dass auch dieser Mann schließlich den Tod in einem Lager finden wird, dieses Mal nicht in einem Konzentrationslager der Nazis, sondern in einem Gulag der sowjetischen Kommunisten. Das war im Jahre 1952, sieben Jahre nach dem Ende des furchtbaren Krieges und des Dritten Reiches. Und mein Geburtsjahr.

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